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greater form im Interview & mitten im Crowdfunding

Donnerstag, 17. Mai 2018

greater form machen seit 2015 Kunstprojekte mit Kindern und Jugendlichen in Leipzig-Grünau, einer der größten Plattenbausiedlungen Deutschlands. Im Interview erklären sie, was sie anders machen als bestehende Angebote und warum sie gerade eine Crowdfunding-Kampange laufen haben. Und ihr könnt das Team jetzt unterstützen!

 

Wer seid ihr?

Wir sind die Künstler*innen Lina Ruske und Philipp Rödel und der Kulturwissenschaftler Mirko Gust. Wir machen seit 2015 Kunstprojekte mit Kindern und Jugendlichen in Leipzig-Grünau, einer der größten Plattenbausiedlungen Deutschlands. Mehr zu uns und unserer Arbeit findet ihr auch auf unserer Website und Crowdfunding-Seite.

Wie seid ihr nach Grünau gekommen?

Unser erstes Projekt für Kinder und Jugendliche bot die Möglichkeit, sich über eine fiktive Fluchtgeschichte künstlerisch mit dem Thema Flucht und Asyl auseinanderzusetzen. Das Projekt hatten wir damals bewusst in Grünau platziert, da das Thema hier zu dieser Zeit besonders starke Spannungen in der Bevölkerung hervorgerufen hatte. in dem Projekt haben wir ziemlich schnell gemerkt, dass der Stadtteil ein sehr spannender und herausfordernder Ort für unsere Arbeit ist und auch gleich erste Ideen für das zweite Projekt “grünau in die zukunft” entwickelt.

Warum braucht es eure Arbeit in Grünau?

Viele Kids, die in Grünau aufwachsen, sind mit multiplen Problemlagen konfrontiert und müssen versuchen, ihren Weg dort durch zu finden, womit sie oft allein gelassen werden. Dort leben die für Leipzig meisten Menschen in Hartz4-Bezug bzw. abhängig von Sozialleistungen, die meisten Schulabbrecher*innen und mittlerweile auch die meisten Migrant*innen bzw. Menschen mit Fluchthintergrund.

In den Schulen fehlen meist die Ressourcen, um angemessen auf die Kids eingehen zu können bzw. geht die statische Lernkultur an ihren unterschiedlichen Bedürfnisslagen vorbei, was dazu führt, dass Probleme verstärkt werden oder überhaupt erst entstehen.

Den Kids, mit denen wir arbeiten, fehlt es an ganz grundlegenden Dingen, wie Aufmerksamkeit, Zuneigung, Anerkennung und Unterstützung. Daraus resultiert häufig z.b. ein geringes Selbstbewusstsein, mangelnde Fähigkeiten, sich um sich selbst zu kümmern, kaum Geduld und Konzentrationsfähigkeit und nicht zuletzt schon bei den Kindern eine negative Zukunftsperspektive.

All dies müssen sie täglich versuchen selbst auszugleichen, was enorm viel Energie kostet, die dann für weitere Dinge fehlt. Im künstlerischen Arbeiten in unseren Projekten können sie andere, positive Erfahrungen machen, sich neu kennenlernen.

Was macht ihr anders als Jugendclubs oder andere Angebote, die es für Kinder und Jugendliche schon gibt? Oder gibt es da nix?

In Grünau gibt es ein gutes Spektrum sozialer und kultureller Einrichtungen für Kinder und Jugendliche. Der Bedarf ist aber in den letzten Jahren enorm gestiegen und sie arbeiten am Rand ihrer Kapazitäten. Aktuell besteht die Gefahr, dass der Stadtteil sich zu einem Brennpunkt entwickelt. Von daher braucht es unbedingt weitere Orte. Unser Angebot unterscheidet sich aber auch von den üblichen.

Zuallererst ist die Teilnahme der Kids komplett freiwillig. Sie entscheiden wann und wie sie sich einbringen wollen. Im Zentrum unserer Arbeit stehen die Kids, mit ihren kulturellen Interessen und Ausdrucksformen, ihren Lebenserfahrungen und ihren Fragen. Wir gehen davon aus, dass sie schon alles wichtige mitbringen. Unsere Arbeit besteht darin, einen Rahmen zu erschaffen. Einen besonderen Ort, der ihnen Raum und Zeit gibt, sich mit sich selbst und den eigenen Wahrnehmungen auseinanderzusetzen und davon ausgehend künstlerisch aktiv zu werden. Wichtig ist, dass kein Zwang besteht, dass dabei etwas entstehen muss. Das Schöne ist, dass trotzdem, oder wir würden sagen, gerade deshalb, meist etwas entsteht, womit sich die Kids dann auch identifizieren können.

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Was können die Kinder und Jugendlichen bei euch lernen? Warum kommen sie zu euch?

Wir denken, sie kommen zu allererst mal zu uns weil wir ihnen zuhören und sie ernst nehmen und dabei aber authentisch bleiben und auch nicht in z.B. eine erzieherische Rolle verfallen. Es geht um gegenseitigen Austausch bzw. verhandeln wir. Die wichtigste Grundlage ist dabei intensive Beziehungsarbeit. Viele der Kids brauchen auch einfach erst mal Ermutigung bzw. müssen ihre Grundbedürfnisse gestillt werden, dann ist einiges möglich.

Auf all dem aufbauend, können sie in unseren Projekten Wertschätzung und Anerkennung erfahren für Dinge, die sie interessieren und machen. Wir schaffen es, ihre Eigenmotivation zu aktivieren. Dadurch lernen sie fast von selbst, sich eigene Ziele zu setzen und Vorhaben umzusetzen. Sie erleben sich als selbstwirksam. Sie lernen, ihre eigenen Wahrnehmungen ernst zu nehmen und selbstbewusst zu formulieren. Und sie erlangen Sichtbarkeit, z.B. durch Ausstellungen, unseren youtube-Channel und unsere instagram-Seite.

Was motiviert euch dieses Projekt umzusetzen und was macht euch am meisten Spaß?  

Zuallererst sind wir einfach immer wieder begeistert von dem absoluten Lern- und Entwicklungswillen der Kids, egal welchen Hintergrund und welche Voraussetzungen sie haben. Die Energie, die entsteht, wenn sie sich angesprochen fühlen, ist ein direkter Antrieb. Genauso wie sie auch genau sagen können, wenn sie etwas nicht wollen.

Außerdem beobachten wir gesamtgesellschaftlich ein zunehmendes Auseinanderdriften z.B. von Kunst, Bildung, sozialen und ökonomischen Sphären usw. Dem wollen wir mit unseren Mitteln und Kompetenzen etwas entgegensetzen.

Ihr crowdfunded ja gerade, für was braucht ihr das Geld?

Wir wollen einen eigenen Projektraum für unsere Arbeit in Grünau eröffnen, damit wir längerfristig und nachhaltig wirksam mit den Kids zusammenarbeiten können. Mit dem Raum wollen wir ihnen die Möglichkeit bieten, das Selbstbewusstsein und die Kompetenzen dafür zu entwickeln, selbstbestimmte kulturelle Produzent*innen zu werden. Es geht um eine kulturelle Produktion durch die Kids über und für ihren Lebensraum, damit sie ihren Anliegen und Bedürfnissen Sichtbarkeit verschaffen können. Es geht um kulturelle Teilhabe.

Ein eigener fester Ort liefert außerdem die Voraussetzungen dafür, die Kids auch über die inhaltliche Arbeit hinaus langfristig in die Arbeit des Raums einbeziehen und Verantwortung für diesen übernehmen lassen zu können. Perspektivisch wollen wir dafür auch Formate wie Praktika und Stipendien für die Kids entwickeln.

Warum habt ihr euch für Crowdfunding entschieden und was sind die Vorteile für euch?

Mit dem Crowdfunding wollen wir die laufenden Kosten des Raums für mindestens ein Jahr sichern. Diese werden von den üblichen Projektförderungen, mit denen wir arbeiten, nicht übernommen. Lern- und Entwicklungsprozesse passen nicht in Projektformate.

Außerdem bietet uns das Funding die Möglichkeit, unsere Vision breiter sichtbar zu machen und Gleichgesinnte und Unterstützer*innen zu finden. Denn alleine können wir dieses Experiment nicht auf die Beine stellen.

Warum sollten Leute euch unterstützen?

Grünau weist über sich hinaus auf ganz aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen unserer Zeit hin!

Die Möglichkeit an Kultur teilzuhaben, besonders als aktive Sprecher*innen, ist enorm abhängig von den ökonomischen und sozialen Bedingungen, unter denen man aufwächst. Dieses Ungleichgewicht widerspricht den Voraussetzungen einer Demokratie, bzw. gefährdet sie sogar langfristig. In Grünau verdichten sich diese Widersprüche besonders. Hier wollen wir neue Lösungsansätze entwickeln.


Ihr wollt greater form jetzt unterstützen? Hier geht's zur Crowdfunding-Kampagne.

Zur Homepage geht's hier entlang.

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